Angewandte Organisationsentwicklung (Teil 1): Wie eine Strategieberatung ihre Organisation auf ihren USP ausrichtet
Kevin Rassner
Teil 1 von 5 der Serie Angewandte Organisationsentwicklung.
In Teil 1 meiner Serie über angewandte Organisationsentwicklung beginne ich mit einem Unternehmen, das auf den ersten Blick wenig mit dem typischen Mittelstandsklienten zu tun hat: einer globalen Strategieberatung. Ich nenne keine realen Firmennamen – die Branche ist überschaubar, und wer dort arbeitet oder gearbeitet hat, wird vieles wiedererkennen. Aber darum geht es mir auch nicht. Mir geht es um das Muster dahinter.
Das Gedankenexperiment dieser Serie lautet: Was passiert, wenn man sehr verschiedene Unternehmen durch die gleiche OE-Brille betrachtet? Welche Fragen stellt man – und was lernt man dabei? Ich gehe davon aus, dass die Grundfragen der Organisationsentwicklung überraschend universell sind, egal ob man es mit einer Unternehmensberatung, einem Mittelständler aus dem Südwesten oder einem kommunalen Busunternehmen zu tun hat.
Was eine Strategieberatung einzigartig macht
Jede Organisation, die wirklich gut ist in dem, was sie tut, hat eine klare Antwort auf die Frage: Wofür sind wir einzigartig? Bei einer globalen Strategieberatung ist die Antwort relativ klar: Sie liefert hochspezialisiertes Wissen für Probleme, die ihre Klienten nicht selbst lösen können. Ihr USP ist Expertise – kombiniert mit der Fähigkeit, diese Expertise für komplexe, oft branchenübergreifende Herausforderungen nutzbar zu machen.
Das klingt simpel, hat aber erhebliche Konsequenzen für die Organisation. Wenn Wissen dein entscheidender Produktionsfaktor ist, dann ist dein wichtigstes Asset gleichzeitig dein größtes Risiko: Es steckt in Köpfen, es geht mit Menschen, und es lässt sich nur sehr begrenzt standardisieren.
Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus ich diese Organisation betrachte.
Komplexität reduzieren – nicht eliminieren
Organisationen, die wirklich funktionieren, tun zwei Dinge gleichzeitig: Sie reduzieren die Komplexität, die sie nicht brauchen, und sie verstärken die Mechanismen, die ihren USP tragen. Beides ist nötig — wer nur verstärkt, endet im Chaos; wer nur reduziert, in Erstarrung.
Bei einer Strategieberatung sieht Komplexitätsreduktion konkret so aus: standardisierte Methodologien, die sicherstellen, dass das Team in Frankfurt ähnlich arbeitet wie das in Tokio. Eine klare Kundensegmentierung, die verhindert, dass die Organisation sich in Projekten verliert, für die sie nicht ausgelegt ist. Strikte Compliance-Regeln, die rechtliche und reputationale Risiken minimieren. Klare Karrierepfade, die das Employer Branding stärken und gleichzeitig Erwartungen managen.
All das klingt nach Bürokratie – und ist es in gewissem Sinne auch. Aber es ist nützliche Bürokratie. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass die eigentliche Arbeit passieren kann.
Ich denke dabei oft an Projekte, die ich in Mittelstandsunternehmen begleitet habe, die in einer ähnlichen Situation stecken: Sie haben ein klares Leistungsversprechen, aber ihre internen Prozesse sind so unsystematisch, dass jedes Projekt von Grund auf neu erfunden wird. Die Energie geht dorthin, wo sie eigentlich nicht gebraucht wird. Die Standardisierung der Abläufe (Projektstruktur, Dokumentation, Übergaben) befreit Ressourcen für das, was wirklich Wert schöpft.
Was Effektivität wirklich verstärkt
Auf der anderen Seite: Wie verstärkt eine Strategieberatung das, was sie stark macht?
Das Schlüsselinstrument ist das globale Expertennetzwerk. Ein gutes Beratungsmandat lebt davon, dass man die richtigen Leute zusammenbringen kann – die Branchenexpertin aus London, den Regulierungsspezialisten aus Brüssel, den Umsetzungsbegleiter aus dem Lokalbüro. Das setzt voraus, dass man weiß, wer was kann, dass diese Expertise auffindbar ist, und dass die Menschen bereit sind, ihr Wissen zu teilen.
Das ist alles andere als selbstverständlich. In Wissensorganisationen gibt es eine systematische Tendenz, Expertise zu horten statt zu teilen – weil Wissen Macht ist und man nicht genau weiß, was man bekommt, wenn man es abgibt. Kluge Beratungen adressieren das explizit: durch Wissensmanagement-Systeme, durch interne Forschungsinstitute, durch intensive Weiterbildung, die das Lernen voneinander zur Norm macht.
Dazu kommen spezialisierte Branchenteams, die Tiefenwissen in einzelnen Sektoren aufbauen. Und digitale Tools, die nicht Beratung ersetzen, sondern Beratende produktiver machen.
Das Effektivitätsprofil dieser Organisation hängt letztlich an einer einzigen Fähigkeit: Wissen aufbauen, zugänglich machen und für den Klienten nutzbar bringen.
Das Organisationsdesign, das daraus folgt
Wenn man USP, Komplexitätsreduktion und Effektivitätsverstärker zusammendenkt, kommt fast zwingend eine Matrixstruktur heraus: Funktionale Expertinnen und Experten auf der einen Achse, Branchenspezialisten auf der anderen, und crossfunktionale Projektteams, die je nach Auftrag zusammengestellt werden. Dazu ein globales Büronetz, das lokale Präsenz und kulturelle Anpassungsfähigkeit erlaubt.
Das ist kein Design, das man leichtfertig wählen sollte. Eine Matrixstruktur erzeugt Reibung. Wer zwei Chefs hat – die Funktionslinie und die Branchenlinie – muss mit Interessenkonflikten umgehen können. Das setzt Reife voraus, sowohl bei den Führungskräften als auch in der Unternehmenskultur.
Ich habe das in der Praxis miterlebt – weniger in Beratungsunternehmen als in größeren mittelständischen Strukturen, die versucht haben, eine Matrixlogik einzuführen. Meistens ist das Ergebnis nach zwei Jahren eine faktisch wieder durchgesetzte Linienstruktur, weil die Aushandlungsprozesse die Menschen erschöpft haben. Die Frage ist nicht, ob eine Matrix theoretisch sinnvoll ist. Die Frage ist, ob die Organisation kulturell bereit ist, mit der damit einhergehenden Ambiguität zu leben.
Die Schattenseiten – und warum sie unvermeidbar sind
Jedes Organisationsdesign produziert Nachteile. Das ist keine Schwäche – das ist Physik. Wer sich für ein bestimmtes Design entscheidet, wählt gleichzeitig die Probleme, mit denen er leben wird.
Bei einer Strategieberatung sind das vor allem hohe Kosten für Wissensaufbau und Talententwicklung, die Gefahr von Silos zwischen Spezialteams, Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselpersonen (wenn die Expertin für Pharma-Regulierung geht, geht ihr Wissen mit) und die Grenzen der Skalierung, weil personalisierte Beratung sich eben nicht industrialisieren lässt.
Gute Organisationen wissen das. Sie bauen crossfunktionale Projektteams, die Silos aufbrechen, entwickeln Mentoring-Programme für Wissenstransfer und planen Nachfolge für Schlüsselpositionen — nicht weil das auf der Agenda stand, sondern weil sie verstanden haben, welche Nachteile ihr Design produziert. Wer das nicht explizit durchdenkt, merkt es erst, wenn das Problem schon da ist.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Ich beobachte in meiner Beratungsarbeit immer wieder, dass mittelständische Unternehmen diese Fragen implizit beantworten, statt explizit. Man wächst in ein Design hinein, entwickelt Prozesse, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Sinn ergeben haben, und fragt irgendwann: Warum funktioniert das eigentlich nicht mehr?
Das Gedankenexperiment der Strategieberatung ist deshalb nützlich – nicht weil ein 80-Mitarbeiter-Betrieb aus dem Heilbronner Umland eine globale Matrixstruktur braucht. Sondern weil das Analysemuster dasselbe ist.
Wofür sind wir einzigartig? Was hindert uns daran, genau das zu liefern? Was müssen wir aktiv stärken? Welche Struktur folgt daraus — und welche Nachteile nimmt diese Struktur in Kauf?
Diese Fragen stellen ist keine Selbstverständlichkeit. Aber wer sie konsequent beantwortet, hat ein wesentlich besseres Fundament für die nächste Wachstumsphase, die nächste Führungsübergabe, die nächste strukturelle Herausforderung.
In Teil 2 schaue ich auf einen sehr anderen Typ von Organisation: einen Musik-Streaming-Dienst, der eine vollkommen andere Antwort auf die gleichen Grundfragen findet.
Wenn Sie die Fragen aus diesem Artikel auf Ihr Unternehmen anwenden möchten und dabei jemanden brauchen, der mitdenkt: Schreiben Sie mir gerne. Kontakt aufnehmen


