Angewandte Organisationsentwicklung (Teil 4): Supermarktkette
Kevin Rassner
Teil 4 von 5 der Serie Angewandte Organisationsentwicklung.
In Teil 4 meiner Serie über angewandte Organisationsentwicklung betrachte ich eine große genossenschaftliche Supermarktkette. Ich werde keine realen Firmennamen nennen – aber wer die Branche kennt, weiß, dass es da draußen Unternehmen gibt, die genau vor diesen Fragen stehen. Wer in Deutschland einkauft, kennt solche Organisationen: genossenschaftlich verfasst, regional tief verwurzelt, mit selbstständigen Kaufleuten als Herzstück – und trotzdem unter einem gemeinsamen Dach.
Ich finde diese Unternehmensform aus OE-Sicht besonders interessant. Nicht weil sie exotisch wäre, sondern weil sie eine Spannung sichtbar macht, die in vielen Organisationen vorhanden ist, aber selten so offen zugegeben wird: die Spannung zwischen zentraler Steuerung und lokaler Freiheit.
Dazu kommt erheblicher Umfelddruck: Discounter komprimieren die Margen, Online-Anbieter bauen Lieferdienste weiter aus, und steigende Energie-, Personal- und Warenkosten lassen kaum noch Spielraum. Wer als genossenschaftliche Supermarktkette bestehen will, muss eine ehrliche Antwort auf eine Frage finden: Was können wir, was die Discounter und Online-Anbieter nicht können? Die Antwort liegt selten im Sortiment und fast nie im Preis. Sie liegt in der regionalen Verankerung, in persönlichen Beziehungen, in lokalem Wissen, das sich nicht kopieren lässt. “Regionaler Ernährungsknotenpunkt” klingt nach Marketing-Sprech, beschreibt aber eine echte strategische Option – eine, die organisational erst noch untermauert werden muss.
Was eine Genossenschaft von einer Kette unterscheidet
Eine Genossenschaft ist kein Konzern mit dezentralem Vertrieb. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, hat aber weitreichende organisationale Konsequenzen. Der einzelne Kaufmann oder die Kauffrau ist kein Filialleiter, der Anweisungen ausführt. Er oder sie ist Unternehmer – mit echter wirtschaftlicher Verantwortung und echtem Gestaltungsanspruch. Das ist das Versprechen der Genossenschaftslogik: Wer mitmacht, bekommt echte Autonomie.
Trotzdem funktioniert eine Kette nur dann als Kette, wenn ein gewisses Maß an Einheitlichkeit vorhanden ist. Sortiment, Qualitätsstandards, Markenauftritt, Einkaufskonditionen: all das funktioniert nur, wenn die Zentrale koordinieren kann. Agiert jeder Kaufmann vollständig autonom, verliert das System die Skaleneffekte, die es konkurrenzfähig machen.
Das Ergebnis ist eine strukturelle Dauerspannung: Die Zentrale braucht Einheitlichkeit, die Kaufleute brauchen Freiheit. Beides ist legitim und notwendig. Die Organisation kommt nicht darum herum, explizit damit umzugehen, statt so zu tun, als ließe es sich wegdiskutieren.
Führung auf Distanz – und warum das schwieriger ist als es klingt
Eine große genossenschaftliche Supermarktkette operiert über ein weitverzweigtes Filialnetz. Die Zentrale ist nicht in jedem Markt. Die Kaufleute treffen täglich operative Entscheidungen, ohne Rücksprache – das ist Absicht und Stärke zugleich.
Aus OE-Sicht stellt das eine echte Führungsherausforderung dar, die ich in ähnlicher Form aus anderen dezentralen Organisationen kenne. Führung auf Distanz funktioniert nur, wenn drei Dinge klar sind: Was ist nicht verhandelbar (Qualitätsstandards, Markenwerte, bestimmte Prozesse)? Was liegt im Ermessen der lokalen Ebene? Und wie fließen Information und Lernen zurück in die Zentrale?
Das dritte Element wird am häufigsten unterschätzt. Eine Genossenschaft sitzt auf einem enormen Erfahrungsschatz: Hunderte von Kaufleuten, die täglich mit Kunden interagieren, lokale Märkte kennen, Produkte ausprobieren. Wenn dieses Wissen nicht systematisch nutzbar gemacht wird, ist das eine erhebliche organisationale Ressourcenverschwendung. Wissenstransfer zwischen Kaufleuten ist deshalb nicht nur ein nettes Add-on – es ist strategisch.
In meiner Beratungsarbeit erlebe ich häufig, dass dezentrale Organisationen genau an dieser Stelle schwach sind. Die Wissenssilos entstehen nicht aus böser Absicht, sondern weil niemand eine Struktur gebaut hat, die Teilen belohnt und einfach macht. Wer als Kaufmann bemerkt, dass ein bestimmtes Sortiment aus der Region überdurchschnittlich gut läuft, teilt dieses Wissen nur dann mit anderen, wenn es dafür einen Kanal gibt – und wenn er oder sie den Eindruck hat, dass es gehört wird.
Die vier Schnittstellen, die OE gestalten muss
Der Kern des OE-Problems bei einer genossenschaftlichen Supermarktkette lässt sich auf eine Frage bringen: Wie viel Abweichung können wir uns leisten, und wo muss Einheitlichkeit erzwungen werden?
Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine strategische Entscheidung, die explizit getroffen werden muss – weil sie sonst implizit getroffen wird, und dann meistens schlecht.
Ich sehe in der Praxis häufig, was passiert, wenn diese Entscheidung nicht bewusst getroffen wird: Die Zentrale versucht, immer mehr zu standardisieren, weil einzelne Abweichungen zu Problemen geführt haben. Die Kaufleute wehren sich, weil sie das Gefühl haben, ihre Unternehmereigenschaft zu verlieren. Das Ergebnis ist ein Beziehungsmuster aus Kontrolle und Widerstand, das beide Seiten frustriert und das Unternehmen schwächt.
Die produktivere Rahmung lautet: Welche Schnittstellen müssen wir explizit gestalten? Ich sehe vier davon, die jeweils eigene OE-Arbeit brauchen.
Zentrale und Kaufleute ist die offensichtlichste Schnittstelle. Klare Foren, in denen Kaufleute Rückmeldung geben und die Zentrale wirklich hört. Transparente Entscheidungsverfahren, die zeigen, welche Parameter gelten. Auf beiden Seiten die Bereitschaft, Autonomie nicht mit Alleingelassenwerden zu verwechseln. Das ist das Nervensystem der Organisation, und wenn es nicht funktioniert, merkt man es überall.
Produzent und Handelsbetrieb: Diese Schnittstelle entscheidet darüber, wie schnell regionale Produkte ins Regal kommen und wie zuverlässig die Logistik für kleine Erzeuger funktioniert. Digitalisierte Bestell- und Lieferprozesse sind hier kein IT-Projekt, sondern eine OE-Frage. Wenn die Abläufe nicht passen, liefert der regionale Hofladen woanders. Wer exklusive Beziehungen zu lokalen Erzeugern als strategischen Vorteil nutzen will, muss diese Schnittstelle so reibungslos gestalten, dass der Aufwand für den Erzeuger zumutbar bleibt.
Markt und Kunde: Kohärent online und offline? Wer montagabends online bestellt und dienstags im Markt einkauft, erwartet keine Brüche in der Wahrnehmung. Das klingt technisch, ist aber kulturell. Mitarbeitende im Markt und im digitalen Kanal müssen ein gemeinsames Bild davon haben, was einen guten Einkauf ausmacht. OE liefert dafür den Rahmen: Schulungen, gemeinsame Leitbilder, Feedback-Schleifen.
Technologiepartner und Zentrale: Externe Lösungen, die nicht zur dezentralen genossenschaftlichen Logik passen, werden in der Praxis nicht angenommen, egal wie gut sie auf dem Papier sind. Die Integration externer Technologie ist deshalb immer auch ein Akzeptanzprojekt.
Die regionale Verwurzelung als strategische Ressource
Was eine große Supermarktkette gegenüber Discountern und Online-Anbietern am wenigsten kopierbar macht, ist nicht das Sortiment und nicht der Preis. Es ist die Beziehung. Die Kassiererin, die den Stammkunden seit Jahren kennt. Der Kaufmann, der weiß, welche Bäckerei in der Nachbarschaft die beste Qualität liefert. Die lokale Identifikation, die entsteht, wenn ein Supermarkt nicht irgendein Markt ist, sondern unser Markt.
Diese Ressource ist real und schwer zu imitieren. Eine gut funktionierende Genossenschaft kann sie besser nutzen als eine zentral geführte Kette.
Organisationsentwicklung kann dabei helfen, diese Stärke nicht nur zu bewahren, sondern bewusst auszubauen. Das könnte bedeuten: Kaufleute gezielt bei der Pflege lokaler Erzeugerbeziehungen unterstützen. Plattformen schaffen, die regionalen Bezug für Kunden sichtbar machen. Mitarbeitende befähigen, als Botschafter der Marke zu agieren, weil sie das wollen, nicht weil eine Richtlinie das vorschreibt.
Der Unterschied zwischen Pflicht und intrinsischem Antrieb ist in der Praxis enorm spürbar. Eine Organisationskultur, in der Sinn erfahrbar ist, produziert diesen Unterschied. Er stellt sich nicht von selbst ein.
Das Geschäft von morgen
Was könnte eine mutige strategische Vision für eine solche Genossenschaft konkret bedeuten? Ich denke in diesem Gedankenexperiment gerne eine Stufe weiter, weil OE immer dann am interessantesten wird, wenn eine echte Ambition mit konkreten Organisationsfragen verknüpft ist.
Eine Frische-Notification, die Kunden in Echtzeit informiert, wenn ein lokaler Erzeuger geliefert hat, klingt nach einer App-Funktion. Tatsächlich ist es eine Frage der internen Koordination: Wer löst diese Kommunikation aus? Welcher Kaufmann ist verantwortlich für welchen Lieferanten? Und hat die Organisation genug Vertrauen aufgebaut, damit Kaufleute das eigenständig tun? Die technische Umsetzung ist hier das Einfachere.
Community-Interaktion rund um regionale Ernährung – Rezeptvorschläge von Stammkunden, Austausch über lokale Produkte, ein Gemeinschaftsgefühl, das über den Einkauf hinausgeht – ist ebenfalls kein Marketing-Projekt, sondern eine Kulturfrage. Eine Genossenschaft, in der Kaufleute echte Handlungsfreiheit haben, kann so etwas authentischer umsetzen als jede zentral gesteuerte Kampagne. Aber sie braucht Kaufleute, die diese Freiheit als Chance begreifen.
Store-in-Store-Konzepte (Post, Bank, ergänzende Dienste), Mitarbeiterprofile in der App, persönliche Verbindung zum Kunden: All das baut auf einer Organisationskultur auf, in der Nähe explizit gewollt ist. Die strukturellen Voraussetzungen dafür entstehen nicht von allein.
Organisationsdesign: drei Ebenen
Wenn man das alles zusammendenkt, ergibt sich für eine genossenschaftliche Supermarktkette ein Organisationsdesign, das ich mir in drei Ebenen vorstelle.
Die Basis ist die genossenschaftliche Grundstruktur: bewährte Dezentralisierung, unternehmerische Verantwortung der Kaufleute, lokale Handlungsfreiheit. Das ist kein Nachteil, den man managen muss, sondern ein Fundament, das die Organisation von vielen zentral geführten Wettbewerbern unterscheidet. Es sollte so gestaltet sein, dass es trägt, nicht dass es gebremst wird.
Die mittlere Ebene ist eine Matrix-Struktur, die funktionale und regionale Verantwortlichkeiten verbindet. Funktionale Expertise wie Category Management, IT und Logistik muss mit regionalem Wissen in denselben Entscheidungen zusammenkommen. Das erzeugt Komplexität, aber ohne diese Verbindung entstehen Entscheidungen, die auf dem Papier stimmen, im Markt aber nicht funktionieren.
Die dritte Ebene sind agile Innovationsteams, die an strategischen Zukunftsfragen arbeiten – aus Kaufleuten, die etwas ausprobiert haben, Technologiepartnern mit neuen Lösungen und internen Experten, die beides verbinden. Kein Widerspruch zur genossenschaftlichen Struktur, sondern deren konsequente Weiterentwicklung.
Was mich an diesem Case fasziniert
Ich denke oft an genossenschaftliche Strukturen, wenn ich mit Mittelständlern über Dezentralisierung spreche. Die Frage, wie viel Entscheidungsmacht man nach unten abgeben kann und muss, ist in fast jedem wachsenden Unternehmen irgendwann akut.
Was mich an der genossenschaftlichen Supermarktkette fasziniert, ist die Ehrlichkeit der Konstruktion. Die Spannung zwischen Autonomie und Einheitlichkeit ist nicht versteckt – sie ist gewissermaßen ins Rechtskleid eingebaut. Das zwingt dazu, explizit damit umzugehen. In anderen Organisationen wird diese Spannung oft kaschiert: Man redet von Empowerment, meint aber eigentlich delegiertes Ausführen. In einer Genossenschaft ist das schwieriger.
Ob das eine Einladung oder ein Hindernis ist, hängt davon ab, wie die Organisation damit umgeht. Wegdiskutieren lässt es sich jedenfalls nicht.
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen ein ähnliches Spannungsfeld kennen – zwischen zentraler Steuerung und lokaler Freiheit, zwischen Markenkonsistenz und unternehmerischer Eigenverantwortung – und Sie das nicht dem Zufall überlassen möchten: Sprechen Sie mich gerne an.


