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Ducks Change Curve neu interpretiert: Die emotionale Seite des Wandels als sensibles Mobile

Kevin Rassner

Kevin Rassner

5 Min. Lesezeit
Change-Kurve auf Whiteboard: emotionaler Verlauf sichtbar

Die emotionale Wahrheit hinter gescheiterten Transformationen

StrategyU hat in „Duck’s change curve: the emotional side of organizational change” Jeanie Daniel Ducks HBR-Klassiker aus den 1990ern neu interpretiert. Die zentrale Diagnose: Unternehmen managen Veränderungen als isolierte Projekte — Mitarbeitende erleben jedoch den kumulierten Schock aller Maßnahmen gleichzeitig.

Duck beschreibt fünf emotionale Phasen: Stagnation (vor dem Wandel), Vorbereitung (Erkenntnis der Notwendigkeit), Implementierung (Turbulenzen), Entschlossenheit (Durchhalten) und Fruchtbarkeit (neues Gleichgewicht). Das Modell ist kein reines Gefühlstheater, sondern ein Werkzeug zur Steuerung von Belastungsspitzen und Stabilisierungsphasen.

Neu an der StrategyU-Lesart: Veränderung wird nicht als lineares Projekt, sondern als sensibles Mobile verstanden. Berührt man ein Element — etwa ein neues ERP-System — bewegen sich automatisch andere mit: Jobängste, Hierarchiefragen, Kompetenzlücken. Die Implikation ist klar: Change-Management muss simultane Eingriffe sequenzieren und emotional entflechten.

Warum parallele Projekte toxisch wirken

Ich habe das an einem konkreten Fall erlebt, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.

Ein Unternehmen im Bereich autonomes Fahren musste sogenannte ASPICE-Prozesse einführen — ein Audit stand in einem Jahr an. Meine Empfehlung: Alle Beteiligten führen gemeinsam einen ersten Prozess ein, lernen daraus, und arbeiten dann in zwei Gruppen an Prozess zwei und drei. Zehn Leute, zehn Prozesse — aber trotzdem sequentielle Gruppenarbeit. Der Projektleiter entschied anders. Seine Logik: Wenn wir nacheinander arbeiten, werden wir nicht rechtzeitig fertig. Also: zehn Prozesse, zehn Leute, alle fangen gleichzeitig an.

Nach sechs Monaten war ungefähr nichts passiert. Nicht weil die Leute nicht gearbeitet hätten — sondern weil sie neben ihrem Hauptprojekt schlicht keine Kapazität mehr hatten, sich ernsthaft um das Nebenthema zu kümmern. Das klassische Implementierungstal, multipliziert mit zehn.

Im Folgeprojekt machte ich diese Erfahrung zur Bedingung: Keine Prozesseinführung mehr als Teilzeit-Einzelkämpfer. Sondern gemeinsam, in schlagkräftigen Gruppengrößen, und innerhalb dieser Gruppen sequentiell. Das Ergebnis sprach für sich: Nach sechs Monaten hatten wir nicht nur alle Prozesse sauber aufgesetzt — wir hatten so viel Expertise aufgebaut, dass wir bereits mit der Zentrale über die Abänderung von Zentralanweisungen diskutierten, die dem mühelosen Folgen dieser Prozesse im Weg standen.

Das ist das Mobile-Prinzip in der Praxis. Wer zehn Elemente gleichzeitig anstößt, bekommt unkontrolliertes Chaos-Schwingen. Wer sequenziert, bekommt Lernkurven.

Für mittelständische Unternehmen ist das besonders relevant. Im Konzern gibt es dedizierte Change-Teams, die parallel arbeiten können. Im Mittelstand mit 50 bis 300 Mitarbeitenden sind dieselben Menschen gleichzeitig Projektmitglieder, Fachexperten und Tagesgeschäfts-Träger. Kumulativer Schock trifft hier härter — und die Erholung dauert länger, weil es keine Redundanz gibt.

Das Mobile-Prinzip: Veränderung als vernetztes System

StrategyU ersetzt das Projekt-Denken durch eine Mobile-Metapher: Jede Veränderung hat sekundäre Wellen in anderen Systemteilen. Das passt gut zu systemischen Organisationsverständnissen, die schon lange darauf hinweisen, dass Eingriffe in komplexe Systeme nie nur dort wirken, wo man sie ansetzt.

Vier Regeln lassen sich daraus ableiten. Gleichzeitige Berührungen verstärken Schwingungen, deshalb: maximal ein bis zwei große Maßnahmen zur gleichen Zeit. Jedes Element beeinflusst alle anderen, weshalb Change-Kommunikation das gesamte System im Blick haben muss, nicht nur den eigenen Workstream. Stabilisierungsphasen sind keine Pausen, sondern Pflicht: nach jeder großen Maßnahme braucht es drei bis sechs Monate Verdauungszeit. Und die Führungskultur bestimmt, wie stark das Mobile schwingt. Wer Druck macht, verstärkt die Amplitude.

Im Mittelstand kommt eine fünfte Regel dazu: Ressourcen sind knapp. Wer Schlüsselpersonen in drei parallele Change-Projekte einspannt, darf sich nicht wundern, wenn im Tagesgeschäft die Qualität leidet — und im Change-Projekt sowieso.

Phase-spezifische Interventionsleitlinien

In der Phase Stagnation zu Vorbereitung geht es darum, einen Weckreiz zu setzen, ohne zu überfordern. Kleine, sichtbare Erfolge helfen — ebenso eine klare Antwort auf die Frage, warum jetzt. Große Systemwechsel haben hier nichts verloren. Meine Erfahrung: Die ersten vier Wochen sollten für Diagnose und erste gemeinsame Schritte genutzt werden, nicht für den großen Rollout.

In der Implementierungsphase gilt: Belastung dosieren. Maximal zwei gleichzeitige Änderungen. Wöchentliche Stabilisierungs-Calls — ohne neue Informationen, nur Klärung und Verdauung. Peer-Support unter Kolleginnen und Kollegen, die im selben Tal stecken, ist oft wirksamer als jede externe Begleitung.

In der Phase Entschlossenheit zu Fruchtbarkeit geht es ums Verankern. Drei bis sechs Monate ohne neue Großprojekte. Erfolgsgeschichten bewusst erzählen. Rituale einführen, die das Neue als normal markieren. Das ist der Punkt, an dem viele Organisationen einen Fehler machen: Kaum ist ein Projekt abgeschlossen, kommt die nächste Ankündigung — und das mühsam aufgebaute neue Gleichgewicht kippt wieder.

Fünf Prinzipien für die Praxis

Was ich daraus für meine Beratungsarbeit mitgenommen habe, lässt sich auf fünf Punkte bringen.

Das Change-Portfolio gehört als Mobile visualisiert, nicht als Projektliste. Wer die Wechselwirkungen nicht sieht, kann sie nicht steuern. Nie mehr als zwei große Änderungen gleichzeitig — auch wenn der Zeitplan es anders verlangt. Gerade dann. Eine feste Rhythmik aus Lernen, Umsetzen und Stabilisieren gehört in den Plan, nicht ins Optionalspalte. Emotionales Pulse-Tracking hilft früh zu erkennen, wo das System überhitzt: Wie belastet fühlen sich die Menschen, auf einer Skala von eins bis zehn? Wöchentlich, anonym, konsequent ausgewertet. Und das Change-Portfolio gehört in die Führungsverantwortung, nicht delegiert an HR oder an Externe. Es ist eine Steuerungsaufgabe.

Von der Theorie zur Change-Architektur

Das Mobile-Prinzip ergänzt klassische Modelle wie Kotter oder Prosci um das, was dort fehlt: echtes Systemdenken. Das vermeintliche Paradox „Wir brauchen Tempo UND Mitarbeiter-Buy-in” löst sich durch intelligente Sequenzierung. Nicht Alles-auf-einmal, sondern Schritt für Schritt mit Luft zum Atmen.

Für den Mittelstand bedeutet das konkret: Ein Change-Portfolio-Board muss keine aufwändige Governance-Struktur sein. Es kann die Geschäftsführung sein, die einmal im Monat fragt: Wo stehen wir im Mobile? Was muss warten? Welche Maßnahmen verstärken sich gerade gegenseitig — und welche blockieren sich? Diese drei Fragen allein verhindern mehr Schaden als viele Change-Programme.

Wenn dich das Thema Veränderungssteuerung beschäftigt — ob ihr gerade mitten in einer Transformation steckt oder eine plant — sprich mich gerne an. Auf der Kontaktseite findest du alle Wege, wie wir uns kennenlernen können. Und wenn du mehr darüber erfahren willst, wie ich Veränderungsprozesse begleite, schau gerne dort vorbei.

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