Von Command & Control zu Co-Creation – Psychologie des Wandels endlich evidenzbasiert
Kevin Rassner
Ehrlich gesagt: eigentlich ein No-Brainer – aber schön, es einmal mehr wissenschaftlich bestätigt zu wissen.
Der Artikel des IMD „From control to co-creation: Reframing the psychology of organizational change” analysiert, warum so viele Veränderungsprogramme holprig verlaufen – und bringt psychologisch auf den Punkt, was in der Praxis längst sichtbar ist: Change scheitert nicht an Strategie, sondern an Beziehung.
Von Ansagekultur zu Dialogfähigkeit
IMD beschreibt den klassischen Ablauf treffend: Top-Teams ringen monatelang um Lösungen, verarbeiten intern ihre Emotionen – und präsentieren dann einen fertigen Plan. Damit startet Veränderung mit einem emotionalen Gefälle: Oben Zukunft, unten Überforderung.
Ich habe genau das in zahlreichen Projekten erlebt. Sobald Führung in den „Erklärmodus” rutscht, kippen Teams in Passivität oder Widerstand. Mit der Transaktionsanalyse lässt sich das wunderbar deuten: Führung positioniert sich in der Elternrolle („Wir wissen es besser”), Mitarbeitende in der Kindrolle („Wir müssen folgen”). Das Ergebnis: Autonomie und psychologische Ownership brechen weg – die Energie bleibt auf der Strecke.
Die Reaktanz-Theorie liefert die nächste Schicht: Menschen wehren sich nicht gegen den Inhalt, sondern gegen den Verlust an Einfluss. In diesem Licht ist „Widerstand gegen Veränderung” nicht dysfunktional, sondern eine verständliche Selbstbehauptung.
Was ich im Mittelstand immer wieder sehe
Ein konkretes Bild, das ich nicht vergesse: Ein mittelständisches Industrieunternehmen mit rund 200 Mitarbeitenden führte eine neue Matrixstruktur ein. Die Geschäftsführung hatte monatelang geplant, Berater einbezogen, Organigramme gezeichnet. Beim Rollout-Meeting saßen die Führungskräfte der zweiten Ebene mit verschränkten Armen da. Ich saß dabei. Nicht weil die neue Struktur schlecht war. Sondern weil sie zum ersten Mal davon hörten.
Was folgte, waren sechs Monate mühsamer Klärungsarbeit: Wer hat jetzt welche Entscheidungsbefugnis? Wer darf was? Die Antworten standen im Organigramm. Aber die Menschen hatten sie nicht mitentwickelt – und fühlten sich entsprechend nicht zuständig.
Im Nachgespräch sagte mir einer der Abteilungsleiter etwas, das ich seitdem oft zitiere: „Ich hätte das genauso entschieden. Aber ich will nicht, dass jemand für mich entscheidet, was mein Job ist.”
Das ist keine Querulanz. Das ist psychologisch völlig gesund.
Im Mittelstand kommt erschwerend hinzu, dass viele Führungskräfte gleichzeitig Unternehmer oder langjährige Experten sind – Menschen mit hohem Selbstbewusstsein und klaren Vorstellungen davon, wie ihr Bereich funktioniert. Sie lassen sich nicht von oben neu beschreiben. Was sie brauchen, ist ein Prozess, in dem ihre Erfahrung sichtbar wird, bevor Entscheidungen fallen.
Co-Creation funktioniert – und zwar systemisch
IMD untermauert, was viele Praktiker intuitiv wissen: Wer Wandel mit Menschen statt über Menschen gestaltet, verbessert beides – Akzeptanz und Qualität.
Die im Artikel beschriebenen Cases sind lehrreich – aber es lohnt sich, sie mit einem kritischen Blick auf den Mittelstand zu lesen.
Best Buy („Renew Blue”): Der Turnaround begann mit radikalem Zuhören. Der CEO ging an die Frontlinien, ließ sich Geschichten erzählen – und aus diesem gemeinsamen Verständnis entstand eine Transformation mit spürbarer Energie. Es braucht keinen Konzern, um das zu tun. Ich habe ähnliche Formate in Unternehmen mit 80 Mitarbeitenden umgesetzt: World Cafés, strukturierte Mitarbeiterbefragungen mit sofortiger Rückkopplungsrunde, „Listening Sessions” direkt mit der Geschäftsführung. Der Aufwand ist überschaubar. Der Effekt auf Vertrauen und Ownership ist erheblich.
Alpiq: Die Einführung von „Coaching Ambassadors” und Peer-Coaching-Programmen, ein kulturveränderndes Format, das Vertrauen operationalisiert, brachte die Auszeichnung als „Great Place to Work”. Hier würde ich Mittelstand-Unternehmen bremsen, die direkt in die Skalierung gehen wollen. Was bei einem Energiekonzern mit entsprechenden HR-Ressourcen funktioniert, braucht im 100-Mann-Betrieb eine andere Form. Die Idee dahinter ist richtig: Peer-Unterstützung institutionalisieren, Coaching demokratisieren. Aber sie braucht einen lokalen Übersetzungsschritt.
Das Biotech-Unternehmen: Nach mehreren Reorganisationen half die bewusste Gestaltung von Übergangsritualen. Die Leitfrage: „Who are we now?” Damit ließ sich Engagement und Identität sichtbar schneller wieder aufbauen. Das ist der am meisten unterschätzte Punkt. Im Mittelstand gibt es fast nie Rituale für Übergänge. Man schließt ein Kapitel ab und macht am nächsten Tag weiter. Aber Menschen brauchen symbolische Momente, um sich neu zu verorten. Ein Abschlusstreffen, ein gemeinsames Benennen von dem, was war und was kommt – das kostet zwei Stunden und wirkt manchmal mehr als ein halbjähriges Programm.
Persönlich finde ich diese Cases so wertvoll, weil sie zeigen: Psychologische Faktoren sind nicht „Soft Stuff” – sie sind Systemparameter. Ohne Dialogräume werden Machtlücken mit Emotionen gefüllt. Ohne Rituale bleibt Identität in der Schwebe.
Evidenzlage: Emotion schlägt Excel
Wer sich durch die Forschungsliteratur zum organisationalen Wandel arbeitet, stößt immer wieder auf dasselbe Befundmuster: Emotionale und kognitive Variablen sind die stärksten Prädiktoren für Change-Erfolg. Sinn, Vertrauen, wahrgenommene Unterstützung. Das deckt sich mit meiner Erfahrung: Teams scheitern nicht am Business Case, sondern am fehlenden „Sensemaking”.
Ein nützliches Bild aus der OE-Forschung beschreibt Organisationen als soziale Systeme aus drei Schichten: individuelle Skills (Reflexionsfähigkeit, Umgang mit Ambiguität), strukturelle Ressourcen (Zeit, Feedbackzyklen, Datenqualität) und kulturelle Muster (psychologische Sicherheit, Fairness, Rituale). Erst das Zusammenspiel dieser drei Ebenen macht Wandel nachhaltig lernfähig.
Was mich in der Praxis immer wieder beschäftigt: Viele Mittelständler investieren in die erste Ebene: Führungstrainings, Workshops, Methodenkompetenz. Aber sie vernachlässigen die zweite und dritte. Ohne strukturelle Räume für Reflexion und ohne kulturelle Grundlage von Vertrauen verpufft das meiste davon.
Drei Fragen, die wirklich helfen
Ich empfehle Führungsteams regelmäßig, sich drei Fragen zu stellen – nicht als Checkliste, sondern als ehrliche Standortbestimmung:
Teilt ihr das Problem, bevor ihr eine Lösung habt? Das klingt einfach. Es ist es nicht. Die meisten Führungsteams haben Lösungen, bevor sie das Problem wirklich gemeinsam durchgearbeitet haben. Und dann wundern sie sich, dass die Belegschaft nicht „mitzieht”. Wer nicht am Problem mitgedacht hat, kann am Weg nicht beteiligt sein.
Schafft ihr Räume, in denen Menschen Sinn selbst mitkonstruieren können? Nicht: „Wir erklären den Sinn.” Sondern: „Wir schaffen ein Forum, in dem der Sinn entsteht.” Das klingt ähnlich. Es ist etwas völlig anderes. Sinn lässt sich nicht top-down verordnen. Er entsteht in Gesprächen, in denen Menschen ihre eigene Erfahrung mit der Richtung des Unternehmens verbinden können.
Gibt es bewusste Rituale zum Abschluss, Übergang und Neubeginn? Schließt ihr Phasen ab, bevor ihr neue beginnt? Benennt ihr, was war – auch das Schwierige? Oder springt ihr von Veränderungsprogramm zu Veränderungsprogramm, ohne dass die Menschen je das Gefühl hatten, irgendwo angekommen zu sein?
Oft entstehen genau hier die entscheidenden Momente – wenn Veränderung nicht mehr „verkündet”, sondern gemeinsam verhandelt wird.
Fazit
Ja, der Gedanke ist kein neuer – aber er bleibt revolutionär in seiner Konsequenz: Change funktioniert nicht durch Kontrolle, sondern durch Co-Creation. Führung bedeutet, Unsicherheit zu teilen, anstatt sie zu verbergen. Und Psychologie ist kein Beiwerk – sie ist die Architektur nachhaltiger Transformation.
Was das für den Mittelstand konkret bedeutet: Planung braucht mehr Beteiligung, keine Kürzung. Klarheit muss gemeinsam erarbeitet werden, sie lässt sich nicht verordnen. Und gelegentlich: innehalten, bevor man weitermacht.
Wenn Sie gerade eine Veränderung begleiten oder eine bevorsteht und sich fragen, wo die Energie fehlt oder wo der Widerstand eigentlich herkommt: Genau das ist der Ausgangspunkt meiner Change-Begleitungsarbeit. Manchmal reicht ein gutes Gespräch, um das Muster zu erkennen. Melden Sie sich gerne.


