Kreativ-Workshop: Eine Nacht im Museum
Kevin Rassner
Mein Team und ich waren Anfang des Jahres vor eine besondere Herausforderung gestellt, welche kreative Lösungen erforderte. Da die Zeit in den Teammeetings oft spärlich und die Teilnehmer/innen durch den Arbeitsdruck nicht vollständig loslassen können, beschloss ich mich, ein paar Denkmuster abzulegen und so dem Team bei dem Verlassen der Ihrigen zu helfen.
Wie ich im letzten Beitrag aufgezeigt habe, sind Stimulation, Beobachtung und das Ausbrechen aus alten Denkmustern der Treibstoff, welcher bei der Lösung unserer Probleme hilfreich sein könnte.
Bei der Organisation eines Kreativ-Workshops waren mir daher folgende Punkte wichtig:
- Ein geographischer Wechsel, um den gewohnten Rahmen (Ablenkung durch Arbeit) zu verlassen
- Ein Umfeld, welches uns inspiriert
- Freiräume, Bewegung und Dynamik sollten möglich sein
Nach einer Internetrecherche stieß ich auf die Ausstellung Open Codes, welche aktuell im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe residiert. Die Ausstellung, welche die Bedeutung von Software in unserem Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellt, bot für mich die perfekte Mischung aus thematisch relevanter Information und unerwarteter Inspiration. Zudem beeindruckte mich bei meinem ersten Besuch die offene Bauweise und Integration von öffentlichen Arbeitsplätzen in die Ausstellung. Inmitten von Besuchern und Exponaten stehen Sitzgruppen und Tische, welche für Meetings, Workshops oder zum abwechslungsreichen Arbeiten anmietbar sind. Die Idee der Aussteller, Programmierer, welche dieses Umfeld zum inspirierten Arbeiten aufsuchen, zum Teil der Ausstellung zu machen, spielte uns definitiv in die Karten.
Diesen Donnerstag war es dann soweit. 14 Ingenieure/innen trafen sich im ZKM, bewaffnet nur mit einem Moderationskoffer und vielen Fragen, für welche es Antworten zu finden galt.
Gemäß gängiger Ideenfindungsmethodiken versuchten wir zunächst, möglichst viel Input in uns hereinzubekommen. Glücklicherweise befanden wir uns in einem Museum, weswegen es an Input nicht mangelte. Die Teilnehmer empfanden diesen Teil sehr unterschiedlich. Während einige die Ausstellung lieber ausführlicher studiert hätten, hätten andere die Zeit lieber bereits mit der Erarbeitung von Ideen genutzt.
Anschließend ging es in Gruppenarbeiten, in welchen die von der Gruppe wichtigsten Probleme aufgeschlüsselt und Lösungsansätze formuliert wurden. Die Ergebnisse unterschieden sich sehr in ihren Ansätzen, Detailtiefe und Darstellungsformen, da auch die Probleme sehr unterschiedlich waren.
Sitzgruppen, Sofas und Bistrotische dienten den Gruppen als Stationen für die jeweiligen Aufgaben. Die somit erzwungenen örtlichen Wechsel erleichtern einen Perspektivwechsel, wenn man mal nicht weiter wusste.
Anschließend kamen wir wieder zusammen, um die Ergebnisse auszutauschen und neue Handlungsfelder für den zweiten Teil des Workshops zu finden. Die unterschiedliche Flughöhe der Lösungen, die fehlenden Präsentationsmöglichkeiten (keine Flipcharts o.ä.) und der Lärm der zu genau diesem Zeitpunkt vorbeiströmenden Besuchermassen machten diesen Teil zum vermutlich unproduktivsten und unzufriedenstellensten. Nachahmern sei daher für solche Arbeiten der Ackerspace empfohlen, welcher sich in ruhigerer Randlage befindet und für Besitzer von Magneten quasi eine metallische Metaplanwand bereitstellt.
Mal wurde man beobachtet, mal beobachtete man. Besuchergruppen störten den Ablauf nur selten, sondern hielten sich lieber in sicherer Entfernung auf.
Nach dem eher ermüdenden Mittelteil waren alle bereit für eine Pause. In etlichen Runden Rundlauf (davon eine aus Diversity-Gründen Linksrum) und Tischkicker konnte man den Kopf wieder frei kriegen.
In den Pausen konnte man sich mit Tischkicker und Tischtennis über die Tatsache hinwegtrösten, dass man gerade nicht arbeiten durfte.
Deutlich energiereicher trafen wir uns wieder in der Mitte, um die offenen Handlungsfelder zu priorisieren. Ziel war es ganz klar, die Dinge abzuschließen, welche eine Anwesenheit aller/vieler bedurfte. Hierzu einigten wir uns auf das grobe weitere Vorgehen und teilten uns nochmal in drei Arbeitsgruppen auf, um das größte verbleibende Problem von drei Perspektiven anzugehen.
Was man hier sieht, sind keine Gedankenblasen der Teilnehmer, sondern lediglich eine svg-Darstellung des Ausstellungsraumes. Hätten aber auch Gedankenblasen sein können.
Nach diesen sehr diskussionreichen Runden kamen wir zum letzten Mal zusammen, definierten ganz genau die nächsten Schritte und Verantwortlichkeiten und gaben Feedback. Obwohl alle sehr erschöpft waren, ging das abschließende Aufräumen sehr schnell – vielleicht weil unweit von uns schon Sushi und Steaks auf uns warteten.
Anders als der Film war unsere Nacht im Museum nicht grauenhaft und ideenlos, sondern eine sehr positive Erfahrung. Vielen Dank hierfür gilt auch dem ZKM und Frau Kiolbassa, welche bei der Organisation vorab und vor Ort eine große Hilfe war!
Warum das funktioniert hat – ein Blick auf die Methodik
Im Rückblick, und mit ein paar Jahren mehr Beratungspraxis, sehe ich diesen Abend nicht mehr nur als nettes Teamevent, sondern als ziemlich präzises Beispiel für drei Mechanismen, die in der Organisationsentwicklung eine große Rolle spielen.
Der erste ist Psychological Safety. Ein Museum nach Schließung, mit Sitzgruppen statt Konferenzraum, verändert sofort die soziale Hierarchie eines Meetings. Niemand sitzt am Kopfende, niemand hat “seinen” Platz. Genau diese kleinen Statussymbole, wer wo sitzt, wer die Tagesordnung hält, wer als erstes redet, sind in normalen Meetings oft unsichtbare Bremsen für offene Beiträge. Wenn der Rahmen ungewohnt ist, fallen auch die gewohnten Rollen leichter ab. Das war bei uns deutlich zu spüren, denn Leute, die in Teammeetings selten als erste etwas sagen, brachten in den Kleingruppen an den Bistrotischen ungewöhnlich viel ein.
Der zweite Mechanismus ist Embodied Learning, die Idee, dass Denken nicht nur im Kopf passiert, sondern an Bewegung, Körper und Raum gekoppelt ist. Die erzwungenen Ortswechsel zwischen den Gruppenarbeiten waren bei uns keine Spielerei, sondern haben tatsächlich Denkblockaden aufgelöst. Wer an einem Tisch nicht weiterkam, saß zwanzig Minuten später auf einem Sofa zwischen Exponaten und kam von dort oft mit einem anderen Blickwinkel zurück. Das deckt sich mit einem Punkt aus meinem letzten Beitrag: Stimulation und Beobachtung sind kein Luxus, sondern Treibstoff für Problemlösung, und ein Museum liefert beides im Überfluss.
Der dritte Punkt ist die räumliche Kontextveränderung selbst. Unser Gehirn verknüpft Orte mit Verhaltensmustern. Im eigenen Büro fällt man automatisch in die Rolle zurück, die man dort immer spielt: die gleiche Sitzordnung, die gleichen Diskussionen, oft auch die gleichen Blockaden. Ein fremder Ort durchbricht diese Kopplung. Genau deshalb hat aus meiner Sicht auch der von den Teilnehmenden als eher unproduktiv empfundene Mittelteil, zu laut, zu wenig Präsentationsflächen, am Ende nicht das ganze Format entwertet. Die Reibung gehörte dazu, denn wer immer nur in optimierten Räumen arbeitet, trainiert auch nur optimierte Antworten.
Was das für Unternehmen im Mittelstand bedeutet
Ich erlebe in meiner Beratungspraxis mit mittelständischen Unternehmen in der Region oft eine verständliche Zurückhaltung gegenüber solchen Formaten. Ein Kreativ-Workshop im Museum klingt nach Konzern-Luxus, nach Eventbudget, das ein 80- oder 150-Mitarbeiter-Betrieb schlicht nicht hat. Das stimmt, ist aber trotzdem kein Grund, das Prinzip abzuschreiben.
Was hier wirklich gewirkt hat, war nämlich nicht das ZKM als Marke oder die Ausstellung an sich, sondern die Kombination aus Ortswechsel, fehlender gewohnter Hierarchie und der Erlaubnis, sich zu bewegen. Das lässt sich auch deutlich kleiner skalieren: ein Workshop in der Werkshalle statt im Besprechungsraum, ein Termin in der Bibliothek der nahegelegenen Hochschule, ein Nachmittag im Biergarten mit Flipchart unter dem Kastanienbaum. Entscheidend ist nicht das Budget, sondern dass der Ort eine andere Rolle ermöglicht als das Tagesgeschäft.
Ich habe das Format seitdem mehrfach mit eigenen Teams genutzt, um neue Ideen zu generieren. Nicht immer im Museum, aber immer mit dem gleichen Grundprinzip: raus aus dem Raum, in dem sonst die Probleme entstehen. Die Wirkung ist erstaunlich konstant – selbst Teams, die sich im Büro festgefahren anfühlen, finden an einem fremden Ort innerhalb von ein, zwei Stunden wieder Zugang zu Ideen, die vorher blockiert waren.
Für Geschäftsführung und HR heißt das konkret: Wenn ein Team seit Monaten im Kreis diskutiert, ist die erste Intervention oft nicht ein neues Tool, ein neuer Workshop-Leitfaden oder mehr Meetings, sondern schlicht ein anderer Ort. Das kostet wenig, ist schnell umsetzbar und macht den Unterschied zwischen “wir reden das zum zehnten Mal durch” und “jetzt kommt tatsächlich was Neues auf den Tisch” oft sichtbarer, als man erwartet. Wer dieses Prinzip systematischer in die eigene Teamarbeit einbauen möchte, dem helfen Workshop-Formate, die genau auf solche Kontextwechsel und Methodik aufbauen.
Nachahmern sei daher, neben dem Ackerspace, vor allem dieser Gedanke empfohlen: Der Ort gehört zur Methode, nicht nur als Kulisse. Wenn Sie in Ihrem Team gerade an einem Punkt sind, an dem die immer gleichen Räume nur noch die immer gleichen Antworten produzieren, sprechen Sie uns gerne an: Kontakt aufnehmen.


