Hat KI Thought Leadership beendet? Warum echte Führung jetzt Taten braucht
Kevin Rassner
Was HBR im März 2026 gefragt hat
Am 9. März 2026 hat Harvard Business Review den Essay „Has AI Ended Thought Leadership?” veröffentlicht. Autor John Winsor stellt darin eine Frage, die unangenehm präzise ist: Wenn generative KI in Stunden produziert, was früher Wochen kostete (fundierte Analysen, eloquente Strategietexte, kluge Einschätzungen), was bleibt dann noch an der Führungskraft, die sich durch schöne Sprache positioniert?
Seine Antwort: Thought Leadership als Statusmarker bröckelt. Was bleibt, ist eine andere Disziplin — Ideen nicht nur zu formulieren, sondern unter realen Bedingungen zu testen, aus dem Scheitern zu lernen und unverstellte Ergebnisse zu teilen. Ich nenne das Thought Doership.
Ich finde den Begriff etwas sperrig, aber die Beobachtung dahinter ist zutreffend. Und ich erlebe sie regelmäßig in meiner Beratungsarbeit.
Das Muster, das ich kenne
In einem Scale-up, das ich in einer begleitenden Führungsrolle erlebt habe, war die Situation folgende: Die CFO war zunehmend frustriert mit den Projektteams. Nicht weil sie schlechte Arbeit leisteten. Sondern weil sie genau das taten: ihre Arbeit. Wer fertig war, wartete. Wer Kapazität hatte, blieb in der Spur. Die Teams hatten sich in einer Art stillschweigendem Nicht-Angriffs-Pakt eingerichtet: niemand machte dem anderen Mehrarbeit, niemand fragte zu viel, niemand mischte sich ein.
Die CFO wollte Kulturwandel. Es wurde geredet, moderiert, reflektiert. Ich war selbst mit Worten am Ende und ehrlich gesagt auch frustriert, weil ich in meiner eigenen Rolle kaum angefragt wurde. Der klassische Berater-Moment: Man hat Diagnosen, aber keine Einladung.
Dann habe ich aufgehört, darüber nachzudenken, und angefangen zu machen. Nicht als Programm, nicht als Initiative. Sobald sich eine Situation ergab, in der jemand Hilfe brauchte, half ich konkret: Datenbankschemata korrigiert, Code mitgeschrieben, KI-Lösungen aufgesetzt. Ich bin jemand, der schnell lernt, also war das keine Aufopferung, sondern ehrlich gesagt auch interessant.
Was dann passierte, war nicht spektakulär. In den zweiwöchigen Retros tauchten positive Rückmeldungen auf. Ich musste sie nur aufgreifen — benennen, was sich verändert hatte, und warum das funktioniert hat. Langsam wurde aus dem, was ich getan hatte, eine Norm. Nicht weil jemand ein Memo geschrieben hatte. Sondern weil jemand angefangen hatte.
Kulturwandel entsteht nicht aus Sprache. Er entsteht aus sichtbarem Verhalten, das aufgegriffen und gespiegelt wird.
Warum KI diesen Unterschied verschärft
Winsor beschreibt drei Wirkungsrichtungen, über die KI Thought Leadership verändert. Die sprachliche Kompetenz, die früher Führungskräfte unterschied, ist nicht mehr exklusiv: Wer heute eine kluge Analyse braucht, kann sie in Minuten generieren, ohne besondere Expertise. Gleichzeitig steigt die Menge an scheinbar tiefem Content, während die Aufmerksamkeit sinkt. Und die eigentliche Wertschöpfung verschiebt sich — weg vom Formulieren, hin zum Validieren, Umsetzen, Lernen.
Das deckt sich mit dem, was Linda A. Hills Buch „Collective Genius” schon 2014 gezeigt hat: Die wirksamsten Innovationsführer verkünden keine Visionen — sie schaffen Räume, in denen Reibung und Experiment möglich werden. KI beschleunigt diesen Trend. Wer heute Führungswirkung erzeugen will, braucht kein eloquentes Positionspapier mehr. Er braucht einen laufenden Pilot, eine dokumentierte Lernerfahrung, eine sichtbare Haltung zum Scheitern.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Im Mittelstand ist diese Verschiebung besonders interessant. Ich würde sogar sagen: strukturell leichter umsetzbar als in großen Konzernen.
Dort ist Thought Leadership oft institutionalisiert: Newsletter, Intranet-Kolumnen, Keynote-Slots bei internen Konferenzen. All das produziert Sprache ohne Verbindlichkeit. Im Mittelstand fehlt diese Infrastruktur meist. Führungskräfte haben weniger Kanäle, sich durch Formulierungen zu profilieren, und werden sowieso an Ergebnissen gemessen.
Das klingt nach einem Nachteil. Es ist keiner. Es ist eine Ausgangssituation, die Thought Doership leichter macht als in Strukturen, in denen viel Energie darauf verwendet wird, Sichtbarkeit durch Sprache zu erzeugen.
Was ich in der Beratung im Mittelstand trotzdem regelmäßig sehe: Viel Energie fließt in Konzepterstellung, Strategieworkshops und Präsentationen — und wenig in die Frage, wie ein erster, kleiner, klar abgegrenzter Pilot aussehen würde. Die Hürde ist nicht immer Widerstand. Oft ist es die implizite Erwartung, dass etwas erst “fertig gedacht” sein muss, bevor man es ausprobiert.
Das ist genau die Annahme, die KI gerade dekonstruiert. Wenn gutes Denken billig wird, wird gutes Tun teuer — im Sinne von wertvoll.
Drei konkrete Verschiebungen für Führungskräfte
Aus dem HBR-Artikel und aus dem, was ich in der Praxis beobachte, lassen sich drei Verschiebungen ableiten, die für Führungskräfte relevant sind.
Von der These zum Experiment. Statt ein Memo über die KI-Strategie zu schreiben, ein konkreter Pilot: klar definierte Hypothese, messbarer Erfolgsindikator, zeitliches Limit. Die Ergebnisse sind aussagekräftiger als jedes Strategiepapier, auch wenn der Pilot scheitert.
Von der Analyse zur Lernroutine. Wer Erfahrungen aus Experimenten nicht systematisch verarbeitet, verliert den Vorteil. After-Action-Reviews, kurze Retros, dokumentierte Learnings — nicht als Bürokratie, sondern als Gewohnheit. Das ist die Arbeit, die KI nicht übernehmen kann: den Kontext kennen, die richtigen Fragen stellen, das Richtige aus dem Erlebten ableiten.
Von der Sichtbarkeit durch Sprache zur Sichtbarkeit durch Verhalten. In meinem Scale-up-Beispiel war der entscheidende Moment nicht, dass ich eine Analyse über Teamkultur geschrieben habe, sondern dass ich angefangen habe zu helfen. Und dass das in einem Retro sichtbar gemacht wurde.
Was Organisationsentwicklung daraus machen kann
Für OE-Arbeit bedeutet das praktisch: Die Frage, die sich lohnt, an Führungsteams zu stellen, ist nicht mehr “Was ist Ihre Vision?”, sondern “Was ist Ihr aktuell laufendes Experiment?”
Wer darauf keine Antwort hat, hat ein Problem — nicht weil er schlecht geführt hat, sondern weil er den Schritt von der Reflexion zur Handlung noch nicht gemacht hat. Und das ist ein Schritt, der sich begleiten lässt.
Konkret heißt das in Beratungsprojekten: Statt einen Workshop über Kulturziele zu machen, einen Lernsprint zu designen. Führungskräfte definieren ein kleines, abgegrenztes Feld, starten etwas, beobachten, reflektieren gemeinsam. Nicht als Methode, sondern als Gewohnheitsbildung.
In Mittelstandsunternehmen zwischen 50 und 300 Mitarbeitenden ist das oft einfacher als gedacht — weil die Wege kürzer sind, die Entscheidungskanäle direkter und die Führungskraft nah genug dran ist, um selbst zu sehen, was passiert.
Wenn Sie in Ihrer Organisation das Gefühl haben, dass viel geredet und wenig getan wird, oder dass Führungskräfte sich über Sprache profilieren, aber die eigentliche Lernarbeit ausbleibt, ist das ein guter Ausgangspunkt. Was in solchen Gesprächen herauskommt, ist selten ein Konzept. Meistens ist es der erste kleine Schritt.


