Diskurs HBR/MIT Sloan/McKinsey: Gelassenheit & kognitive Stabilität
Kevin Rassner
Viral gehender Artikel zur „Gelassenheits-Minderheit”
Am 15. Februar 2026 erschien ein Beitrag, der auf Lynda Grattons Analyse aufbaut und die These der „Gelassenheits-Minderheit” in Führungsrollen diskutiert. Der MIT-Sloan-Artikel von Lynda Gratton „Calm: The Underrated Capability Every Leader Needs Now” auf, der in der MIT Sloan Management Review veröffentlicht wurde.
Kernaussagen: In Führungskräftetrainings schätzen Manager sich bei „Meisterschaft” und Produktivität hoch ein — „Gelassenheit” wird aber konsistent als schwächste Fähigkeit benannt. Gratton identifiziert eine „Gelassenheits-Minderheit” von ca. 10% der Führungskräfte, deren kognitive Leistungsfähigkeit auch unter Druck stabil bleibt: Ihr Denken bleibt „online”, ohne in den Fight-or-Flight-Modus zu fallen. Organisationale Realität arbeitet häufig aktiv gegen Gelassenheit: Meeting-Dichte, Always-On-Kommunikation, fehlende Denkräume und eine Kultur, die sichtbare Geschäftigkeit belohnt, erodieren diese Ressource systematisch.
MIT Sloan & Leadership-Trends 2026
Der Originalartikel von Lynda Gratton beschreibt Gelassenheit als trainierbare Fähigkeit, eng verbunden mit Energie-Management, bewusster Pausengestaltung und der Fähigkeit, Komplexität ohne Flucht in „Fight or Flight” zu halten. Die „Gelassenheits-Minderheit” entsteht durch drei Pfade: Heritage (kulturelle Prägung), Personality (Temperament) und Experience (gelernte Praktiken wie Atemarbeit oder somatische Signale).
MIT SMR und verwandte Formate zeigen: Führung verschiebt sich von „Command & Control” zu verteilter, beziehungsorientierter Führung. Gelassenheit ist dafür Basis, keine optionale Fähigkeit. Der DDI-Report „Leadership Trends 2026” dokumentiert hohe Stressbelastung bei Führungskräften, Burnout-Risiken und schwache Leadership-Pipelines — Gelassenheit erscheint als Engpassressource.
Was ich in der Praxis beobachte
Diese 10-Prozent-Zahl deckt sich mit dem, was ich in meiner Beratungsarbeit erlebe. Ich führe regelmäßig Gespräche mit Führungskräften aus Mittelstandsunternehmen — und der Unterschied zwischen denen, die unter Druck klar bleiben, und denen, die eskalieren oder einfrieren, ist selten eine Frage von Fachkompetenz. Es ist fast immer eine Frage der Selbstregulation.
Was mich an Grattons Analyse besonders anspricht: Sie unterscheidet nicht zwischen „ruhigen” und „unruhigen” Persönlichkeiten. Es geht nicht darum, grundsätzlich weniger zu fühlen. Es geht darum, unter Druck handlungsfähig zu bleiben — das Gehirn nicht in einen Überlebensmodus schicken zu lassen, der für Höhlenszenarien gebaut ist, aber in modernen Organisationen dysfunktionale Entscheidungen produziert.
In Coaching-Gesprächen kommt immer wieder die Frage, was bei der Entwicklung von Gelassenheit eigentlich hilft. Meine ehrliche Antwort: das bewusste Verlangsamen in kritischen Momenten. Nicht die Meditationsapp, die jemand drei Wochen ausprobiert und dann vergisst. Sondern ein konkretes körperliches Signal, das eine Führungskraft bei sich kennt — den Moment, wo der Kiefer anspannt, die Stimme kleiner wird oder das Tempo der E-Mails sprunghaft steigt. Wer das Signal erkennt und als Einladung zur Pause versteht statt als Aufforderung zur Beschleunigung, verändert etwas. Das braucht keine stundenlangen Programme, aber Begleitung und Wiederholung.
Was wenig hilft, erlebe ich genauso häufig: eintägige Resilienz-Workshops ohne Nachbereitung, Mindfulness-Impulse, die niemand in den Alltag integriert — und der gut gemeinte Ratschlag „einfach mal runterkommen”. Das ist etwa so hilfreich wie jemandem, der schlecht schläft, zu sagen, er solle sich entspannen.
In meiner Erfahrung braucht Gelassenheit als Führungsfähigkeit zwei Dinge: Erstens ein persönliches Selbstbewusstsein für die eigenen Stressmuster. Zweitens eine Organisationsumgebung, die nicht permanent dagegen arbeitet.
Implikationen für Organisationsentwicklung
Der Diskurs verschiebt sich von „einige sind halt gelassen, andere nicht” zu einer ernsthaften Design-Frage: Inwieweit unterstützt oder sabotiert die Organisationsarchitektur kognitive Stabilität bei Führungskräften?
Das ist eine Frage, die ich in vielen Mittelstandsunternehmen stellen würde — und die selten beantwortet wird. Nicht weil niemand sie stellt, sondern weil die ehrliche Antwort meistens ist: Die Struktur sabotiert sie gerade aktiv.
Drei Hebel, die ich für konkret und umsetzbar halte — auch in Unternehmen mit 50 bis 300 Mitarbeitenden ohne eigene HR-Abteilung:
Kalender-Architektur neu denken. Der Kalender einer Führungskraft ist in vielen Unternehmen ein Spiegel der Erwartungen, nicht der Prioritäten. Wenn jemand täglich fünf bis sieben Stunden in Meetings verbringt, bleibt weder Zeit für tiefes Denken noch für Selbstregulation. Eine pragmatische Maßnahme, die ich empfehle: mindestens zwei blockierte Fokus-Zeiten pro Woche, die nicht von anderen geblockt werden können. Das klingt klein. In der Umsetzung trifft es auf erstaunlich viel Widerstand — weil es impliziert, dass die Führungskraft Grenzen setzt. Genau das ist der Punkt.
Die Kultur der Geschäftigkeit hinterfragen. In vielen Mittelstandsunternehmen gilt: wer immer erreichbar ist, immer beschäftigt wirkt und auf jede Nachricht innerhalb von Minuten antwortet, funktioniert gut. Diese Kultur erzeugt permanenten Niedriggradstress, der Gelassenheit langfristig untergräbt — ohne dass jemand bewusst die Entscheidung getroffen hat, es so zu wollen. Es ist eine emergente Norm, die sich verfestigt hat. Kulturarbeit bedeutet hier nicht, Hochglanzwerte an die Wand zu hängen. Es bedeutet, in Führungsteams offen zu besprechen: Welche Normen belohnen wir gerade, und produzieren diese wirklich die Führungsqualität, die wir brauchen?
Gelassenheit in der Führungskräfteentwicklung ernst nehmen. Nicht als Soft-Skill-Anhängsel, sondern als eine Kompetenz, die man beobachten, besprechen und entwickeln kann. Das bedeutet: In Feedbackgesprächen und Führungsdialogen konkret thematisieren, wie jemand unter Druck agiert. Nicht als Kritik, sondern als gemeinsames Lernen. Viele Führungskräfte haben das noch nie so direkt besprochen bekommen.
Was das für Ihr Unternehmen bedeuten kann
Wenn ich mit Geschäftsführern und Bereichsleitern arbeite, erlebe ich häufig, dass das Thema Gelassenheit zunächst als individuelles Problem gerahmt wird: „Der Kollege muss einfach besser mit Stress umgehen.” Der Perspektivwechsel, den ich für wertvoll halte: Was tun wir als Organisation, um diesen Kollegen in einem dauerhaften Zustand zu halten, in dem das schwer ist?
Beide Ebenen — die persönliche Entwicklung und das organisationale Design — gehören zusammen. Die eine ohne die andere zu bearbeiten bleibt begrenzt wirksam.
Wenn Sie merken, dass Führungskräfte in Ihrem Unternehmen zunehmend reaktiv statt gestalterisch agieren, oder dass Entscheidungen unter Druck schlechter werden, lohnt sich ein genauerer Blick. Sprechen Sie mich gerne an — ich helfe dabei, sowohl die strukturellen als auch die personalen Hebel zu identifizieren.


