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HR-Trends Leadership

HR-Trends 2026: Die Leadership-Lücke, die Veränderung blockiert

Kevin Rassner

Kevin Rassner

5 Min. Lesezeit
Leerer Schreibtisch zwischen zwei besetzten Bürobereichen

Ein aktueller HR-Trendreport von McLean & Company hebt hervor, dass organisatorischer Veränderungsdruck (AI, Marktvolatilität, Talentknappheit) deutlich schneller wächst als die Leadership-Kapazität, diesen Druck zu bewältigen. Das klingt nach einem bekannten Klagelied – aber in meiner Beratungsarbeit sehe ich, wie real und konkret diese Lücke mittlerweile ist. Und wie selten sie beim richtigen Namen genannt wird.

Die strukturelle Risikolücke

Externe Turbulenz explodiert, während interne Systeme hinterherhinken: Führungskompetenz, kulturelle Ausrichtung und Change-Readiness entwickeln sich nicht im gleichen Tempo.

Ergebnis: Eine „strukturelle Risikolücke” – ambitionierte Strategien prallen auf überlastete Führungskräfte. Change-Programme werden symbolisch, die Umsetzung oberflächlich.

Das klingt abstrakt. Was ich in der Praxis erlebe: Ein Scale-Up mit 120 Mitarbeitenden, das gleichzeitig ein Projektmanagement-Tool einführt, eine neue Marktpositionierung entwickelt und seine mittlere Führungsebene umstrukturiert. Jede Initiative für sich wäre machbar. Zusammen überschwemmen sie die drei Abteilungsleiter, die eigentlich all das tragen sollen. Nicht weil diese Führungskräfte schlecht wären, sondern weil niemand je gerechnet hat, wieviel Veränderungskapazität im System überhaupt vorhanden ist.

Was ich im Mittelstand immer wieder sehe

Bei Unternehmen zwischen 50 und 300 Mitarbeitenden beobachte ich eine typische Dynamik: Die Geschäftsführung plant ambitioniert, weil sie muss – der Markt lässt ihr keine andere Wahl. Digitalisierung, Fachkräftemangel, veränderte Kundenbedürfnisse: kein Alarmismus, sondern die tatsächliche Lage.

Gleichzeitig sind die Führungskräfte in der Mitte selten für diese Verdichtung gerüstet. Teamleitungen und Abteilungsleiter wurden oft befördert, weil sie fachlich gut waren. Führung haben die meisten on-the-job gelernt, mit wechselndem Erfolg. Ein systematisches Leadership-Development, wie es McKinsey-Unternehmen kennen, gibt es im Mittelstand selten.

Wenn ich in Organisationen komme, ist eine der ersten Fragen, die ich stelle: Wie belastet sind eure Führungskräfte gerade wirklich? Nicht in Worten, sondern in Stunden, Entscheidungsgewicht, emotionaler Beanspruchung. Die Antworten sind fast immer ernüchternd. Und der Abstand zwischen dieser tatsächlichen Kapazität und dem, was die Strategie voraussetzt, ist die Leadership-Lücke.

DDI und McKinsey nennen drei Trends, die ich alle für richtig halte. Und für alle drei gilt: Der Mittelstand hat ein eigenes Problem damit.

„Human+AI-Leadership” klingt einleuchtend, solange man nicht an den Multiprojektmanager denkt, der gerade lernt, das neue Tool zu bedienen. Die Anforderung, gleichzeitig KI-kompetent und zutiefst menschlich zu führen, ist real. Gut vorbereitet darauf ist kaum jemand.

„Great Flattening”, also flachere Hierarchien mit höheren Autonomieanforderungen: Im Mittelstand sind viele Strukturen historisch bedingt schon flach. Das Problem ist, dass Flachheit allein keine Autonomie schafft. Wer Entscheidungen delegieren will, braucht Führungskräfte, die Entscheidungsrahmen setzen können. Das ist eine Kompetenz, keine Ableitung aus der Steilheit der Organigramm-Pyramide.

„Humanity as Leadership Edge”, Empathie als Wettbewerbsvorteil: Stimmt. Aber Empathie lässt sich nicht anordnen. Sie entsteht, wenn Menschen psychologische Sicherheit erleben, also wenn Führungskräfte selbst nicht permanent unter Druck stehen. Burnout und Empathie vertragen sich nicht.

Dazu kommen hohe Burnout-Raten und das, was Forscher „Job Hugging” nennen: Mitarbeitende klammern sich aus Unsicherheit an bestehende Rollen. Ich sehe das konkret: Menschen in Unternehmen, die genau wissen, dass ihr Bereich umgebaut wird, die aber niemanden fragen und nichts ansprechen, weil die Führungskraft selbst keine klaren Antworten hat. Diese Unsicherheit frisst Energie, die für die eigentliche Arbeit fehlt.

Implikationen für People-Funktionen

McKinsey fordert HR-Organisationen auf, von Kostenstellen zu Value-Creation-Leadern zu werden – durch datengetriebene, produktorientierte Operating Models mit Coaches, Experten und Technologen.

Im Mittelstand ist das eine herausfordernde Forderung. HR ist dort oft eine Person, manchmal mit einer halben Assistenzstelle. Die Frage „Wie wird HR zum strategischen Partner?” stellt sich dort anders: nicht als Transformation der HR-Funktion, sondern als Entscheidung der Geschäftsführung, Change-Kapazität als strategische Ressource zu verstehen und entsprechend zu investieren.

Reife Unternehmen binden Organizational Change Management (OCM) in Governance, Leadership-Development und Strategieprozesse ein, statt Change-Kapazität projektweise „zuzukaufen”. Der Unterschied liegt darin, ob Change-Begleitung als Feuerwehr kommt oder als reguläre Führungsaufgabe verstanden wird, die kontinuierlich dazugehört.

Diagnostik der nächsten Generation

Für OE-Berater reicht „Change-Bereitschaft” als Diagnose nicht mehr. Was ich stattdessen wissen will: Wieviel Veränderung können die Schlüsselrollen gerade tatsächlich tragen? Wo braucht es Entlastung, bevor neue Initiativen beginnen?

In meiner Arbeit verwende ich dafür kein aufwändiges Tool. Ich frage Führungskräfte direkt: Welche drei Dinge halten dich gerade nachts wach? Was entscheidet sich in den nächsten sechs Monaten in deinem Bereich? Und was würde passieren, wenn du drei Monate komplett ausgefallen wärst?

Die Antworten zeigen sehr schnell, ob eine Führungskraft Kapazität für die nächste Veränderungsinitiative hat – oder ob sie selbst zuerst Unterstützung braucht.

Leadership-Kapazität ist die wahre Change-Währung.

Mein Spin

Im klassischen Change-Management gibt es die Formel: Wandel entsteht, wenn Überlebensangst größer ist als Lernangst. Nicht humanistisch, aber analytisch brauchbar. Das Problem: Im echten Leben produziert die Strategie, alles auf Angst aufzubauen, die Leute, die aufhören. Die, die bleiben, führen unter Dauerdruck – und das sieht man.

Ich habe beides erlebt: Einmal habe ich die Performance meines Lebens hingelegt. Einmal habe ich gekündigt. Raten Sie mal, welches welches war.

Change beschleunigt sich nicht durch mehr Angst, sondern durch gestärkte Lernfähigkeit. In der Praxis sieht das so aus: Führungskräfte, die psychologisch sicher genug sind, um Fehler zuzugeben und neue Wege auszuprobieren, erleben, dass ihre Teams dasselbe tun. Die anderen nicht.

Die Leadership-Lücke ist real, aber sie ist keine unvermeidliche Naturkatastrophe. Sie entsteht, weil Organisationen systematisch die Kapazität ihrer Führungskräfte überschätzen und die Anforderungen unterschätzen. Und sie schließt sich, wenn jemand anfängt zu messen, was wirklich da ist – und daraus ehrliche Konsequenzen zieht.

Wie sieht eure Leadership-Pipeline aus?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme: Zählen Sie die Führungspositionen in Ihrem Unternehmen. Dann fragen Sie sich: Welche davon könnte bei einem unerwarteten Abgang in drei Monaten intern nachbesetzt werden – mit jemandem, der wirklich führen kann, nicht nur fachlich gut ist?

Diese Frage ist unbequem. Aber sie ist die richtige Frage. Wenn die Antwort ehrlich ausfällt und die Zahl der nachbesetzungsfähigen Positionen unter 50% liegt, haben Sie eine Leadership-Lücke.

Was dann? Das ist genau der Punkt, an dem strukturierte Führungskräfteentwicklung anfängt, sich zu rentieren – nicht als Retention Bonus, sondern als Risikomitigierung.

Wenn Sie das für Ihr Unternehmen durchdenken möchten, sprechen Sie mich an. Wir schauen gemeinsam, wo die Kapazitätslücken tatsächlich liegen.

Lesetipp: Wie sich die Leadership-Lücke in das größere Bild einfügt, zeigt der Überblick Organisationsentwicklung im April 2026: Trends und was sie für den Mittelstand bedeuten.

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