Conscious Unbossing: Warum Gen Z die Chefrolle ablehnt – und was das für Führung bedeutet
Kevin Rassner
Gen Z definiert Führung grundlegend neu
Die Zahlen sind alarmierend für klassische HR-Abteilungen: Laut dem DDI Global Leadership Forecast 2025 fehlt 80 % der HR-Profis das Vertrauen in ihre Führungspipelines. CEOs nennen die Entwicklung der nächsten Führungsgeneration unter ihren größten Herausforderungen. Das Problem ist dabei nicht Talentmangel – sondern die Haltung der Gen Z: Sie will nicht mehr «Boss» sein.
Mehrere aktuelle Quellen beschreiben dieses Phänomen als «Conscious Unbossing» – also das bewusste Aussteigen aus einem überholten Führungsmodell. Gen Z sendet damit eine klare Botschaft: Wir wollen Einfluss. Wir wollen führen. Aber nicht als «Boss».
Ich begegne dieser Haltung inzwischen regelmäßig in meiner Beratungsarbeit. Neulich in einem Gespräch mit einem Mittelstandsunternehmen aus der Region Heilbronn: Eine 27-jährige Teamleiterin erklärt ihrer Personalchefin, dass sie keine klassische Abteilungsleitung übernehmen will. Nicht weil sie keine Verantwortung scheut – sie führt bereits informell ein kleines Projektteam. Sondern weil sie gesehen hat, was die bisherigen Abteilungsleiter damit gemacht hat: Endlosmeetings, Eskalationsgespräche, Verantwortung ohne Gestaltungsspielraum. Die Personalchefin war ratlos. Ich nicht.
Die Daten: Ein Generationenwechsel in den Prioritäten
Die Zahlen sprechen für sich:
- Gen Z ist 1,7-mal häufiger als andere Generationen, bewusst bereit, auf Führungsrollen zu verzichten, um ihre mentale Gesundheit zu schützen.
- Über 50 % sagen aktiv, dass sie Management vermeiden wollen.
- Rund 70 % empfinden Middle Management als stressigen, undankbaren Zielzustand, den sie bewusst umgehen.
Quelle: DDI – Conscious Unbossing & Robert Walters
Das ist kein Zeichen von Passivität – es ist Protest. Diese Generation hat beobachtet, was klassisches Management ihren Eltern und älteren Kolleg:innen gebracht hat: Burnout, Isolation und stetig wachsenden Druck. Ihre Schlussfolgerung ist logisch: Warum eine Rolle übernehmen, die strukturell zum Burnout führt?
Das erlebe ich nicht nur in der Beratung, sondern auch als Dozent – unter anderem für Change Management an der Hochschule. Wenn ich Studierende in Seminaren frage, ob sie sich in zehn Jahren eine klassische Führungsrolle vorstellen können, ist das Bild nahezu deckungsgleich mit diesen Zahlen: Das Nein kommt oft prompt, und es kommt begründet. Nicht aus Desinteresse, sondern mit einer erstaunlich klaren Vorstellung davon, was Führung kosten soll – und was sie ermöglichen müsste. Die DDI-Daten beschreiben keine abstrakte Generation, sondern konkrete Menschen, die heute in Seminarräumen sitzen.
In meinen Gesprächen mit Führungskräften aus Unternehmen unterschiedlicher Größe – vom 80-Personen-Produktionsbetrieb bis zum 250-köpfigen Dienstleister – erlebe ich, wie unterschiedlich diese Reaktion ankommt. Die einen empfinden es als Undankbarkeit oder mangelnde Reife. Die anderen merken, dass sie selbst nie wirklich zufrieden mit dem waren, was ihre Führungsrolle von ihnen verlangt hat. Beide Reaktionen sagen mir dasselbe: Das aktuelle Modell stimmt nicht mehr.
Was ist Conscious Unbossing? Die neue Führungslogik
Conscious Unbossing bedeutet keine Führungslosigkeit, sondern eine bewusste Neudefinition von Führung. Drei zentrale Prinzipien zeichnen diesen Ansatz aus.
Leadership ohne Titel und Kontrolle: Statt formeller Managerpositionen führen Menschen durch Expertise, Einfluss und die Qualität ihrer Ideen. Ein Junior kann ein strategisch wichtiges Projekt leiten, ohne dafür befördert werden zu müssen. Führung entsteht durch Vertrauen, nicht durch Titel.
Coaching statt Controlling: Das alte Boss-Modell funktioniert über Kontrolle: „Ich sage dir, wie es geht.” Conscious Unbossing funktioniert über Coaching: „Wir finden gemeinsam heraus, wie es am besten geht.” Das ist kein semantischer Unterschied – es ist eine kulturelle Verschiebung. Als ich selbst Teamleiter war und gut fünfzig Einstellungs- und Entwicklungsgespräche geführt habe, habe ich eines gelernt: Kontrolle entsteht fast nie aus böser Absicht, sondern weil Vertrauen fehlt. Und Vertrauen entsteht nicht durch mehr Prozesse, sondern durch echte Beziehungsarbeit.
Verteilte Führung statt vertikaler Autorität: Es gibt nicht mehr „die eine Person an der Spitze”. Führung wird auf viele Schultern verteilt: Menschen führen in unterschiedlichen Kontexten – heute als Mentor, morgen als Lernende. In OE-Projekten erlebe ich, wie befreiend diese Erkenntnis auf Teams wirkt, die jahrelang in starren Hierarchien gearbeitet haben. Gleichzeitig sehe ich, wie viel Begleitung es braucht, bis das wirklich gelebt wird, statt als Organigramm-Übung zu enden.
Was das für Mittelstand-Unternehmen bedeutet – und warum es dort besonders drückt
Im Konzern kann man Conscious Unbossing als Kulturprojekt über mehrere Geschäftsjahre angehen, mit Vollzeitstellen für Transformationsmanager und externen Beratern im Dutzend. Im Mittelstand sieht die Realität anders aus. Hier geht Nachfolgeplanung oft so: Eine langjährige Führungskraft kündigt oder geht in Rente, und es wird gefragt, wer denn jetzt nachrückt. Die Antwort ist zunehmend: niemand, der wirklich will.
Das ist keine Übertreibung. In einem Beratungsprojekt, das ich begleitet habe, hatte ein Unternehmen mit 130 Mitarbeitenden drei vakante Teamleiterstellen gleichzeitig. Die Inhaber fragten, wie sie „Generation Z für Führung begeistern” könnten. Meine erste Gegenfrage: Was genau erwartet von dieser Führungsrolle – und ist das wirklich das, was ihr wollt? Die Antwort war unbequem. Die Stellen waren schlecht geschnitten, voller administrativer Pflichten, mit wenig echtem Gestaltungsraum. Kein Mensch, der Einfluss ausüben will, möchte das – unabhängig vom Alter.
Die Frage ist nicht, wie man Gen Z für alte Rollen motiviert. Die Frage ist, ob diese Rollen überhaupt noch zeitgemäß sind.
Die gute Nachricht: Mittelstand-Unternehmen haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber Konzernen. Sie können schneller handeln. Führungsstrukturen lassen sich hier nicht über Jahre debattieren – sie lassen sich in einem Quartal verändern, wenn der Wille da ist. Ich sehe das regelmäßig in Projekten: Was in einem DAX-Konzern drei Taskforces und zwei Jahre braucht, lässt sich im Mittelstand mit Entschlossenheit und guter Begleitung in Wochen bewegen.
Implikationen für die Nachfolgeplanung: Was jetzt konkret zu tun ist
Für Geschäftsführer und HR-Verantwortliche in Mittelstand-Unternehmen ergeben sich aus Conscious Unbossing drei konkrete Handlungsfelder.
Erstens: Führungsrollen neu schneiden. Das bedeutet nicht unbedingt Hierarchieabbau. Es bedeutet, administrativen Ballast aus Führungsrollen herauszunehmen und echten Gestaltungsspielraum hineinzulegen. Wer eine Abteilung leitet, sollte spürbar etwas bewegen können – nicht primär Berichte schreiben und Urlaubsanträge genehmigen.
Zweitens: Gleichwertige Entwicklungspfade schaffen. In vielen Mittelstand-Unternehmen gibt es genau einen Karriereweg: nach oben in die Führung. Fachkarrieren sind nominell vorhanden, in der Praxis aber weniger sichtbar, schlechter vergütet und weniger anerkannt. Das sendet ein klares Signal an gute Fachkräfte, die keine Führung wollen: Hier ist kein Platz für dich. Das ist ein vermeidbarer Verlust.
Drittens: Führungsnachfolge frühzeitig und aktiv gestalten. In Familienunternehmen und inhabergeführten Betrieben ist Nachfolge oft auch eine emotionale Frage. Wenn der Inhaber seit zwanzig Jahren alles entscheidet, ist es schwer, Führungsverantwortung abzugeben – und schwer, eine neue Generation hineinwachsen zu lassen. Hier braucht es manchmal nicht nur eine neue Stellenbeschreibung, sondern einen echten Entwicklungsprozess für alle Beteiligten.
Warum das für Organisationsentwicklung zentral ist
Für die Organisationsentwicklung hat das Phänomen eine Doppelwirkung: Klassische Nachfolgeplanung scheitert, wenn niemand die alten Rollen will. Das ist das Problem. Gleichzeitig macht genau das den Weg frei, Führung wirklich neu zu gestalten.
Die DDI-Analyse zu diesem Thema bringt es auf den Punkt: „Frag nicht, warum Gen Z nicht führen will – frag, welche Art von Führung sie inspirieren würde, Ja zu sagen.”
Ich ergänze das gerne aus meiner Beratungsperspektive: Nicht nur Gen Z wäre bei vielen klassischen Führungsmodellen skeptisch, wenn sie ehrlich wären. Die junge Generation macht nur explizit, was ältere Generationen oft still ertragen haben.
Sabina Nawaz’ Perspektive: Druck macht Führung toxisch
Zeitgleich erscheint die neue Buchkampagne zu Sabina Nawaz’ „You’re the Boss”. Nawaz, Executive Coach bei Microsoft, fasst ihre Erfahrung aus Tausenden Coachings in eine zentrale These: Druck korrumpiert Führung. Macht macht blind.
Ihr Modell zeigt Wege auf, wie Führungskräfte „Druck in Klarheit” übersetzen und ihre Macht reflektieren können. Sie argumentiert nicht gegen Hierarchie – sondern gegen toxische Hierarchie. Die Lösung ist keine flache Organisation, sondern bewusste Führung, die sich ihrer eigenen Wirkung und Verantwortung bewusst ist.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung in Coaching-Prozessen mit Führungskräften. Die meisten wissen, dass etwas nicht stimmt. Viele beschreiben einen schleichenden Prozess: Zuerst hat die Führungsrolle Energie gegeben, dann wurde sie zur reinen Pflicht. Der Ausweg ist selten ein Jobwechsel – er liegt meist in einer ehrlichen Auseinandersetzung damit, was Führung für diese Person wirklich bedeuten soll, und was die Organisation dafür ermöglichen muss.
Die Provokation: Was ist mit denjenigen, die führen wollen?
Natürlich gibt es weiterhin Menschen mit explizitem Führungsanspruch. Organisationen müssen beiden Gruppen gerecht werden.
Das gelingt durch Pluralismus: Es braucht gleichwertige Karrierepfade für Experten und Führungskräfte – mit gleicher Anerkennung, Verantwortung und Vergütung. So entsteht echte Wahlfreiheit statt institutioneller Zwang.
Ich erlebe in Workshops regelmäßig, wie entlastend allein dieses Gespräch ist – wenn Unternehmen anfangen, offen zu fragen: Welche Entwicklungswege bieten wir eigentlich an? Und was verstehen wir unter Karriere, wenn nicht unbedingt Aufstieg in der Hierarchie? Diese Fragen klingen einfach, sind es aber nicht, weil sie tief mit der Unternehmenskultur verwoben sind.
Was bleibt: Führung als Systemfrage
Der Befund ist klar: Das Problem ist nicht, dass Gen Z nicht führen will. Das aktuelle Führungsmodell in vielen Unternehmen ist strukturell krank.
Wenn 70 % der nächsten Generation Management schon vorab als belastend empfinden, ist das kein Generationenproblem – es ist ein Symptom kultureller Dysfunktion. Die Lösung liegt nicht in Überzeugungsarbeit, sondern in Systemdesign. Und Systemdesign ist OE-Arbeit. Wie ein solches System konkret aussehen kann, beschreibt der Artikel High-Agency-Kulturen aufbauen.
Diese Woche macht das deutlich: Gen Z ist nicht weniger ehrgeizig. Sie ist ehrlicher. Und sie zwingt Organisationen, sich zu fragen: Für wen haben wir Führung unattraktiv gemacht – und wie können wir sie wieder gesünder gestalten?
Als Geschäftsführer oder HR-Verantwortlicher in einem Mittelstand-Unternehmen, der mit Nachfolgeplanung, Führungsrollen-Neugestaltung oder dem Generationenübergang ringt: Das sind genau die Fragen, an denen ich in der Organisationsentwicklung arbeite. Sprechen Sie mich gern an – ich freue mich auf ein erstes Gespräch über Ihre konkrete Situation.


